Stammzellengewinnung aus Nabelschnurblut

Das Nabelschnurblut, welches in der Medizin auch unter dem Terminus „Plazentarestblut“ bekannt ist, bezeichnet das sich nach der Abnabelung des Neugeborenen noch in der Nabelschnur bzw. Plazenta befindliche kindliche Blut. Bereits seit Ende der 1980er Jahre ist medizinisch erwiesen, dass Nabelschnurblut äußerst reich an sogenannten Stammzellen ist. Es handelt sich dabei um Stammzellen, die es ermöglichen, das vollständige blutbildende System wiederherzustellen. Der Grund für diese medizinische Chance besteht in der Wanderung der Blutbildung, die sich während der Entwicklungszeit des Fötus in den beiden Organen Leber und Milz befindet, in das Knochenmark. Genau genommen findet die Wanderung der Blutbildung im letzten Drittel einer Schwangerschaft statt. Die Wanderung erfolgt dabei über den Blutkreislauf des Kindes, wodurch bewirkt wird, dass sich zum Zeitpunkt der Geburt sowohl im Blut des Kindes als auch im Restblut von Nabelschnur und Plazenta außergewöhnlich viele Stammzellen befinden.

Erstmals wurde von dieser medizinischen Möglichkeit im Jahre 1988 in Paris Gebrauch gemacht, als die französische Ärztin Eliane Gluckman versuchte, ein Kind mit Fanconi-Anämie zu behandeln. Bis Ende 2004 sind weltweit bisher 5.000 bis 6000 Mal Stammzellen aus Nabelschnurblut, jedoch überwiegend im Rahmen zahlreicher Fremdtransplantationen, zum Einsatz gekommen.

Jene Eltern, die die Entnahme von Stammzellen aus Nabelschnurblut wünschen, erhalten vor der Geburt ihres Kindes ein Entnahmepaket von der Nabelschnurblutbank. Dieses muss zur Geburt in die Klinik bzw. in das Krankenhaus mitgebracht werden. Unmittelbar nach der Geburt wird die Nabelschnur durchtrennt. Aus dem Nabelschnurrest, der noch mit der Nachgeburt verbunden ist, wird anschließend mittels einer Kanüle in etwa 80 Millimeter Blut entnommen. Dieser Vorgang, der rund zwei bis drei Minuten dauert, gleicht jenem einer normalen Blutabnahme, wobei das aus dem Nabelschnurrest entnommene Blut in einen Entnahmebeutel fließt. Das entnommene Blut wird vom Kreißsaal-Team in das Entnahmepaket verpackt, welches unmittelbar darauf ins Labor gebracht wird. Dort erfolgt die Aufbereitung und Einlagerung der gewonnenen Stammzellen aus dem Nabelschnurblut.

Tatsache ist, dass Stammzellen aus Nabelschnurblut ein äußerst hohes, medizinisches verwertbares Potenzial aufweisen. Obwohl diese medizinische Chance weltweit bekannt ist, wird trotz allem bei einem Großteil der jährlich 70.000 Geburten in Österreich die Nabelschnur nach der Abnabelung entsorgt. Dadurch geht die Nabelschnur als wichtige Quelle für Stammzellen-Therapien verloren. Stammzellen konnten als medizinische Besonderheit identifiziert werden, da sich aus ihnen alle nur mögliche Körperteile wie Muskeln, Nerven oder Knochen entwickeln lassen. Darüber hinaus können Stammzellen aus Nabelschnurblut im Rahmen der therapeutischen Behandlung schwerer Krankheiten eingesetzt werden. Außerdem besteht unmittelbar nach der Entbindung die Möglichkeit, das Blut aus der Nabelschnur aufzufangen und dieses einfrieren zu lassen. Sollte das jeweilige Kind irgendwann, sei es aus therapeutischen oder jeglichen anderen medizinischen Gründen, diese Zellen benötigen, so kann es jederzeit auf die eingefrorenen Zellen zurückgreifen.

Die neuesten Erkenntnisse aus der medizinischen Forschung zeigen bereits jetzt, dass Stammzellen-Therapien völlig neue Perspektiven eröffnen. Demnach soll körpereigenes Nabelschnurblut schon bald zur praktischen Behandlung von Autoimmunerkrankungen sowie zur Reparatur geschädigter und beeinträchtigter Organe zielführend eingesetzt werden. Darüber hinaus konnten Mediziner erforschen, dass junge Stammzellen altersgeschädigtes Gewebe wieder neu aktivieren können. Sollte dies tatsächlich medizinisch möglich sein, so könnte es sich zukünftig realisieren lassen, Nervenkrankheiten sowie Erkrankungen der Gefäße mithilfe von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut zu behandeln.

Der größte Vorteil der Entnahme von Stammzellen aus Nabelschnurblut besteht darin, dass sich diese Stammzellen einfach und risikofrei unmittelbar nach der Abnabelung des Neugeborenen gewinnen lassen. Dieser Vorgang erweist sich sowohl für Mutter als auch Kind als absolut schmerzfrei. Darüber hinaus sind die Stammzellen für die Anwendung einer späteren möglichen Stammzellen-Therapie sofort verfügbar und müssen im Nachhinein nicht erst im Rahmen aufwendiger Prozesse gewonnen werden. Ein weiterer Vorteil der Stammzellengewinnung aus Nabelschnurblut liegt in der Jugendlichkeit der gewonnenen Stammzellen. Je jünger die Stammzellen sind, desto höher erweist sich deren Entwicklungspotenzial.